Familie Hammel

Burgfriedenstraße 5

Lina und Heinrich Hammel

Heinrich Hammel
Geburtsdatum: 28.6.1869
Gedemütigt/Entrechtet
Todesdatum: 13.2.1942

Lina Hammel, geb. Ehrlich
Geburtsdatum: 7.8.1875
Gedemütigt/Entrechtet
Todesdatum: 9.6.1941

Alice Stein, geb. Hammel
Geburtsdatum: 21. Juni 1901
Deportiert 1941 nach Kaunas
Ermordet am 25.11.1941

Heinrich Hammel wurde 1869 in Rödelheim geboren. Er war der zweite Sohn des 1831 geborenen Pferdehändlers Abraham Hammel und seiner 1833 geborenen Ehefrau Caroline, geb. Kahn. Er hatte einen älteren Bruder Hermann, geboren am 6. November 1867.

Am 13. September 1897 heiratete Heinrich Hammel Jenny Kass, geboren am 8. Mai 1867 in Felsberg im Kreis Melsungen. Mit ihr hatte er drei Kinder: Alfred, geboren am 9. November 1899 und die Zwillinge Alice und Luise, geboren am 21. Juni 1901.

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er am 2. September 1908 die aus Billigheim bei Mosbach stammende Lina Ehrlich. Mit ihr hatte er vier weitere Kinder: Arthur (geboren am 3. Juli 1910), Victor (geboren am 3. August 1912), Simon (geboren am 24. September 1913) und Hanna (geboren am 15. August 1918).

Die Geschwister Hammel

Sowohl Heinrich Hammel, als auch sein Bruder Hermann hatten jeweils ihr eigenes Textilgeschäft in Rödelheim. Hermann Hammel in seinem Haus in Alt Rödelheim 32, Heinrich Hammel in der Burgfriedenstraße 5.

38 Jahre lang war Heinrich Hammel Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Rödelheim. Im Jahr 1893 erschien ein von ihm verfasster Artikel in „Der Israelit“ anlässlich der Einweihung des Gedenksteins für Wolf Heidenheim auf dem alten Rödelheimer Jüdischen Friedhof. Er und seine Frau Lina waren als gläubige orthodoxe Juden sehr engagiert in ihrer Gemeinde. Lina Hammel war Vorsitzende des jüdischen Schwesternverbandes in Rödelheim. Der Schabbat und die hohen jüdischen Feste waren prägend für das Familienleben.

In ihrem Haus in der Burgfriedenstraße 5, das Heinrich Hammel selbst erbauen ließ, führten sie ihr Textilgeschäft, das in Rödelheim wegen seiner guten Qualität sehr geschätzt wurde. Heinrich Hammel war ein hoch angesehener und sehr respektierter Geschäftsmann.

Finanziell ging es der Familie gut. Alle Kinder waren in das soziale Leben in Rödelheim eingebunden und in den Sportvereinen aktiv. Die Söhne galten als gute und beliebte Fußballer. Die ersten vier Schuljahre verbrachten die Geschwister auf der Rödelheimer Körnerschule, dann wechselten sie auf die jüdisch-orthodoxe Samson-Raphael-Hirsch-Schule in Frankfurt.

Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten änderte sich die Situation für die jüdischen Familien auch in Rödelheim sehr schnell. Bereits 1933 rief die NSDAP-Ortsgruppe die Parteimitglieder auf, jüdische Geschäfte zu boykottieren und den Kontakt mit Juden zu unterlassen. Das von dem Rödelheimer Otto Fischer herausgegebene „Boykottbuch“ für Frankfurt listete 1934 auch die Geschäfte von Heinrich und Hermann Hammel auf.

Boykottbuch Heinrich und Hermann Hammel

Viele Rödelheimer trauten sich nicht mehr, offen im Geschäft einzukaufen. Sie kamen nur noch am Abend in der Dunkelheit, um nicht gesehen zu werden. Dies führte schließlich dazu, dass die Hammels ihr Geschäft 1938 aufgeben mussten.

Die zunehmende antisemitische Diskriminierung veranlasste mehrere der Kinder Heinrich Hammels zur Flucht aus Deutschland. Sohn Alfred flüchtete nach Palästina. 1936 floh Victor Hammel in die USA, wo bereits ein Verwandter der Familie lebte. 1937 folgten die beiden anderen Brüder Arthur und Simon.

Die Zwillinge Alice und Luise hatten inzwischen geheiratet. Luise heiratete den 1893 geborenen Eugen Jaschek und lebte mit ihrem Mann und ihren Söhnen Jürgen (geboren 1929) und Jochen (geboren 1931) in Bad Schwartau bei Lübeck. Alice heiratete den am 16. August 1896 in Storndorf geborenen Salomon Stein. Das Paar lebte nach ihrer Heirat in Alsfeld, musste jedoch 1939 gemeinsam mit ihren Kindern Ernst (geboren 21. April 1935) und Walter (geboren 31. Januar 1931) und weiteren Familienangehörigen nach Frankfurt in den Röderbergweg 38 umziehen. Bei der Adresse handelte es sich um ein sogenanntes „Ghettohaus“, in dem als jüdisch Verfolgte zwangsweise untergebracht wurden.

Da Lina Hammel 1936 einen Schlaganfall erlitten hatte und seitdem einseitig gelähmt und bettlägerig war, entschied sich die jüngste Tocher Hanna, bei den Eltern zu bleiben und die Mutter zu pflegen.

In der Nacht des 9. November 1938 erlebte sie gemeinsam mit ihren Eltern die Pogromnacht in Rödelheim, in der die Rödelheimer Synagoge zerstört, die Thorarolle verbrannt und die jüdischen Geschäfte angegriffen wurden. In der Nacht klopften zwei SA-Männer an die Haustür, um Heinrich Hammel zu verhaften. Zweimal gelang es Hanna, die Männer abzuweisen, in dem sie erklärte ihr Vater sei schwer erkrankt und könne das Bett nicht verlassen.

Nach der Pogromnacht wurde Heinrich Hammel als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde gezwungen, die Synagoge und das Gemeindehaus zu verkaufen. Schließlich musste er im Oktober 1939 auch sein Haus verkaufen und die Familie war gezwungen in das „Ghettohaus“ im Röderbergweg 38 zu ziehen, in dem bereits Tochter Alice mit ihrer Familie unter engsten Verhältnissen untergebracht war.

Lina Hammel verstarb dort am 9. Juni 1941. Im Dezember 1941 heiratete Tochter Hanna den aus Langenselbold stammenden Saul Goldschmidt. Beide kümmerten sich nun um den kranken Vater, der am 13. Februar 1942 verstarb.

Am 22. November 1941 wurde Hannas Halbschwester Alice Stein mit ihren Kindern Ernst und Walter von der Frankfurter Großmarkthalle in einem Massentransort nach Kowno/Kaunas deportiert und dort gleich nach der Ankunft im Fort IX ermordet.

Hannas Halbschwester Luise Jaschek wurde mit deren Familie am 6. Dezember 1941 von Hamburg aus nach Riga deportiert. Nur Sohn Jürgen überlebte und emigrierte nach dem Krieg in die USA. Ende Mai oder Anfang Juni 1942 erhielten auch Hanna und Saul Goldschmidt die Aufforderung der Frankfurter Gestapo, sich am nächsten Tag in der Großmarkthalle einzufinden. Sie versteckten sich noch in der Nacht bei der Familie Balthasar, Sauls  Schneider. Sie lebten neun Monate versteckt im Untergrund, bevor ihnen 1943 die Flucht in die Schweiz gelang. Hanna Goldschmidt konnte im Dezember 1946 aus der Schweiz in die USA emigrieren und traf dort ihre drei Brüder wieder. Sie lebte als Hanna Goldsmith bis zu ihrem Tod in Reading. Mit ihrem Mann hatte sie einen Sohn, Davie Henry, und drei Enkelkinder. 1964 besuchte sie mit ihrem Mann das erste Mal nach ihrer Flucht Rödelheim. Saul Goldsmith starb 1980. Im Jahr 1998 berichtete sie im Rahmen eines Interviews der Shoah Foundation sehr ausführlich über ihr Leben in Rödelheim und ihre Flucht aus Nazi-Deutschland.

Quellen:

  • Krohn, Helga / Rauschenberger, Katharina; Juden in Rödelheim. Die vergessenen Nachbarn, Frankfurt 1990
  • Suchliste Yad Vashem
  • Archiv Gruppe Stadtteilerkundung in der Evangelischen Cyriakusgemeinde
  • Archiv Heimat- und Geschichtsverein Rödelheim
  • Arolsen Archives

Fotos:

  • Archiv Gruppe Stadtteilerkundung in der Evangelischen Cyriakusgemeinde
  • Privatbesitz Familie Hammel
  • Arolsen Archives